“Hör auf die Stimme in dir“ – ein Interview mit Valeska van den Berg

Vielleicht kennst du Valeska bereits durch die Sozialen Medien (@liberty_with_horses) oder ihre Arbeit mit Pferden. Ich bin durch ihre wahnsinnig mutige, anstrengende und inspirierende Reise auf sie aufmerksam geworden. Diese möchte ich nun gerne mit dir teilen, vielleicht um dir ein wenig Mut zu machen oder aber um dir neue Wege aufzuzeigen.

Valeska, vielleicht kannst du uns ein wenig über dich erzählen? Woher bist du und wie kommst du zu den Pferden?

Ich bin mit Pferden aufgewachsen, quasi da hereingeboren, und konnte gar nicht anders, als mich für sie zu begeistern. Pferde sind wie Geschwister für mich, wir haben sie direkt am Haus und immer um uns herum, was ich als großes Glück empfinde. Ich saß schon im Sattel, bevor ich überhaupt laufen konnte.

Mit 8 oder 9 Jahren habe ich meine ersten Ponys bekommen, mit denen es dann so richtig losging. Ich kann gar nicht zählen, wie oft ich damals runtergefallen bin, weil sie noch roh waren. Trotzdem bin ich dem Ganzen treu geblieben.

2015 kam dann mein Spanier Sillero zu mir. Wir haben ihn aus Tarifa gerettet. Es war Liebe auf den ersten Blick, obwohl er eigentlich ein Blindkauf war. Ich hatte sofort das Gefühl, dass wir uns vorher irgendwie schon mal gekannt haben – auf irgend einer Ebene waren wir schon mal zusammen und ich fühlte mich direkt mit ihm verbunden.

Die Ponys konnte ich mittlerweile (größenbedingt) auch nicht mehr reiten, aber sie sollten trotzdem etwas tun. So kam ich schließlich zur Freiarbeit und den Zirkuslektionen. Die Ponys können ja auch etwas anderes tun als geritten zu werden. Mein Spanier war zu Beginn ein totales Angstpferd, er hatte wirklich vor allem Angst, weshalb ich ihn ziemlich frei gestartet habe. Durch die Freiarbeit mit den Ponys und mit Sillero bin ich auf meinen heutigen Pferdeweg gekommen.

Alle haben mich, bedingt durch die Sozialen Medien, immer gefragt, wie ich das mache mit der Freiarbeit. Ich glaube mit 14 Jahren habe ich dadurch begonnen Unterricht zu geben. Meinen ersten Kurs habe ich dann mit 17 gegeben.

Pferde waren also schon immer Bestandteil deines Lebens. Wie bist du darauf gekommen, dich mit deinem Pferd auf so eine Reise zu begeben?

Wanderritte sind für mich dadurch entstanden, dass wir schon immer im Freizeitverein waren und öfter mal Mondscheinritte oder Glühweinritte gemacht haben. Das hat immer viel Spaß gemacht und irgendwann kam dadurch der Traum mit meinem Pferd am Meer zu sein.

Ich habe meiner Freundin Simone von diesem Traum erzählt und sie sagte direkt: “Lass uns das machen!”. Wir haben jeder die Schule bzw. Ausbildung noch beendet und sind sofort im Anschluss losgezogen.

Einfach so? 🙂 Wie kann ich mir das vorstellen? Ihr seid geritten und gelaufen – hattet ihr ein Backup, oder jemanden mit Auto dabei, der euch die Sachen mitfährt? Oder war alles mit am Pferd? Einfach machen klingt so schön einfach, aber ist es das wirklich?

Ein Zelt hatten wir nie dabei und wir waren nur auf uns allein gestellt. Wir hatten aber noch einen zweiten Packsattel dabei. Am Anfang hatten wir dadurch tatsächlich noch recht viel dabei: Schlafsäcke, Isomatten und lauter Krimskrams. 

Simone ist von Augsburg aus gestartet und ich bin kurz vor Nürnberg dazugestoßen. Sie kam mit ihren zwei Konik Stuten, ich mit meinem Spanier und sie hatte noch ihren Border Collie dabei.

Anfangs haben wir noch nach Übernachtungsmöglichkeiten gesucht, aber wir haben schon ziemlich bald direkt bei Pferdeställen nach diesen gefragt. Wir hatten tatsächlich 3 Monate lang Glück und durften unsere Pferde immer auf Wiesen oder Paddocks unterstellen. Wir selbst haben meist draußen geschlafen oder im Heu.

Gegen Halbzeit haben wir unsere Isomatten und Schlafsäcke auch nach Hause geschickt, weil wir unsere Sachen sehr minimalisiert haben. Meistens haben wir dann direkt unter dem Sternenhimmel geschlafen.

Ich bin ein großer Fan von persönlicher Weiterentwicklung. Deine Reise hat dich bestimmt mit unzähligen Eindrücken und Erinnerungen geprägt – all das ließe sich sicher gar nicht im Rahmen dieses Beitrags zusammenfassen. Gibt es denn eine Sache, die dich besonders beeinflusst hat und möglicherweise sogar deine Sichtweise verändert hat?

Tatsächlich gibt es da einiges. Die Gastfreundschaft von Deutschland hat mich total positiv überrascht. Alle haben gesagt ich soll lieber ins Ausland gehen, aber ich wollte gerne unser Land entdecken, bevor ich in ein anderes reise. Ich war so überrascht, wie liebevoll und nett wir Tag für Tag empfangen wurden.

Sehr spannend war es die alten Dialekte in den verschiedenen Bundesländern zu hören. Wenn man so unterwegs ist wie wir es waren, ist man sehr im Einklang mit der Natur und spürt dadurch viel mehr, was um einen herum so passiert. Der große Unterschied zwischen Ost und West war nach wie vor fühlbar, selbst das Leid der Menschen dort in Grenznähe.

Ein einschneidendes Erlebnis war, als mein Pferd auf Höhe von Lauenburg in den Elbkanal gefallen ist. Wir mussten ihn mit der Feuerwehr in einer Großaktion herausholen. Ich habe wirklich kurz gedacht, dass wir beide ertrinken, weil ich mit ihm gemeinsam im Wasser war. Wenn man dem Tod so nahe steht, dann macht das sehr viel mit einem, es verändert sich so einiges..

Dieses Erlebnis hat uns viel mehr zu uns selbst gebracht – für mich war es ganz besonders die Tatsache, dass ich auf die Stimme in mir selbst hören soll. Wir müssen sehen, wie kostbar unser Leben ist und ich habe in diesem Moment nochmal erkannt, dass ich mein Leben so ausfüllen möchte, wie ich es selbst auch erleben möchte.

Du bist so wahnsinnig reflektiert, diese Einstellung gefällt mir wirklich sehr! Wie hat sich eure Reise auf eure Pferd-Mensch-Beziehung ausgewirkt? Seid ihr auch an eure gemeinsamen Grenzen (psychisch und physisch) gestoßen?

Der Wanderritt allgemein hat uns zusammengeschweißt. Zuerst sind Simone und ich mit den drei Pferden zwei Monate lang von Bayern aus zur Ostsee geritten. Anschließend bin ich alleine nach Kiel weiter. Letztes Jahr bin ich alleine von Bayern nach Baden Württemberg geritten. Das ist eine unglaubliche Bindung, die da mit dem Pferd entsteht.

Sillero ist definitiv kein Angstpferd mehr, sondern hat sich zum Beschützer der Herde entpuppt. Er hat binnen kürzester Zeit die Konik Stute meiner Freundin überall durchgebracht, wenn sie Schwierigkeiten hatte. Autobahnbrücken, LKWs und eigentlich alle schwierigen Situationen waren, durch ihn, für sie kein Problem mehr.

Zwei Monate zu zweit mit den Pferden ist selbstverständlich nicht leicht und man kommt sehr schnell an persönliche und körperliche Grenzen. An meine ganz eigenen körperlichen Grenzen bin ich gekommen, als ich alleine ca. 50km am Tag mit Sillero gemacht habe. Emotional natürlich auch.

Morgens laufen dir die Tränen über die Wangen, weil du solche Schmerzen hast und abends laufen dir die Tränen über die Wangen, weil du emotional am Ende bist. So ein Wanderritt ist definitiv sehr sehr anstrengend. Die Verantwortung für das Tierwohl kommt da zusätzlich noch obendrauf.

Man lernt sehr gut, den Schmerz ausschalten zu können und erkennt erstmal, wozu man eigentlich im Stande ist und wofür der Geist eigentlich da ist – wie viel weiter er dich eigentlich trägt, als der Körper.

Was hast du als nächstes geplant?

Ich möchte die letzten 200km noch zu Ende reiten, tatsächlich bin ich noch nicht ganz zu Hause. Außerdem würde ich gerne eine Alpenüberquerung zu Pferd machen und auch mal nach Spanien. Aber ich möchte das danach entscheiden, was noch so entsteht.

Gibt es etwas, dass du den Lesern und Leserinnen mit auf den Weg geben möchtest?

Definitiv! Hör auf die Stimme in dir – wir müssen wieder mehr anfangen nach unseren Wurzeln zu gehen und auf das hören, was in uns steckt und uns ruft, statt auf das zu hören, was von aussen etwas verlangt. Wir müssen glücklich sein und ein erfülltes Leben leben – das fängt bei uns selbst an. Einfach ein bisschen mehr auf uns selbst zu hören, das würde ich so weitergeben.

Liebe Valeska, das war wirklich inspirierend! Vielen Dank für deine Zeit und für deine Geschichte! Ich hoffe, dass sie vielen Lesern mehr Mut macht, um auf ihre innere Stimme zu hören.

Falls du noch mehr über Valeska, Sillero und ihre Arbeit erfahren möchtest, dann schau doch mal auf Instagram oder Facebook. Aktuell gibt es auch einen Film von Catamaran, namens „Magie der Wildpferde“, in dem Einblicke des Wanderritts zu finden sind.

 

Die schönen Fotos von Valeska stammen von Julie Moquet, Lisa Näßl und Simone Hage

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