Historische Reitkunst als Trainingsvariante im Vergleich zu anderen Reitweisen

Freunde, Kunden und Interessenten fragen mich oft, worin genau sich die Historische Reitkunst von akademischem oder klassischem Reiten unterscheidet. Daher möchte ich, wie bereits angekündigt, heute ein Feature mit meiner bezaubernden Reitlehrerin Anja mit dir teilen. Anja ist selbst oft zur Weiterbildung zu Gast in der Fürstlichen Hofreitschule Bückeburg und erscheint mir daher als sehr geeignete Person, um dir die Unterschiede und Gemeinsamkeiten zu erklären. Ohne dich noch groß auf die Folter zu spannen übergebe ich hiermit das Wort an Anja 🙂

Grundsätzliches

Ein jedes Reitpferd sollte gut gymnastiziert sein, um seinen Reiter gesund und bis ins hohe Alter tragen zu können. Dabei spielt die Art der Reiterei/Reitweise keine Rolle.

Um den Rücken so zu gymnastizieren, dass er einen Menschen gesund tragen kann, sollten die beweglichen „Teile“ der Nacken-, Rücken- und Beckenmuskulatur trainiert werden. Meiner Meinung nach erhält man eine solche flächendeckende Beweglichkeit im ganzen Bewegungsapparat am besten durch Seitengänge aller Art. Aber auch Volten und Handwechsel auf kleinerem Raum dienen dazu, genauso wie der Wechsel zwischen Versammlung und Vorwärts.

Das Pferd soll sich ehrlich selbst tragen und nicht nur in eine Kopfrunterhaltung „gezwungen“ werden, die nichts mit selbstständigem Tragen und dadurch Nutzung der Rückenmuskulatur (Aufwölbung) zu tun hat.

Gangpferde in Historischer Reitkunst?

Es spielt meiner Erfahrung nach keine Rolle von welcher Rasse oder welchem Typ Pferd wir sprechen. Jedes Pferd muss das für seinen Körper passende Training und die passende Gymnastik erhalten, nach seinen Möglichkeiten körperlicher als auch geistiger Leistungsfähigkeit. Kein Pferd kann in ein Muster gepresst werden.

Es gibt mittlerweile und glücklicherweise immer mehr Reitweisen, die sich auf das Wohl des Pferdes konzentrieren, soll heissen die Gesunderhaltung während des Reitens.

Stumpfes im Kreis reiten auf der Ovalbahn ist nicht nachhaltig – die Biomechanik eines Gangpferdes verbietet es nicht zu traben. Trab fördert die diagonale Muskulatur, welche für Gangvariationen wie Flat Walk und Running Walk notwendig ist. Darum ist es wichtig, dass auch mein Tennessee Walking Horse elastisch und mobil ist.

Tennessee Walking Horse Sun im versammelten Trab

Klassisches Reiten

Das klassische Reiten, wie es heute weit verbreitet ist auf Dressur- und Springturnieren, könnte man als Nachkriegsreiterei bezeichnen, die der H.Dv.12 zu Grunde liegt. Es werden Praktiken aus der Militärreiterei verwendet – Idee war es möglichst schnell viele Soldaten, die nicht reiten konnten, von A nach B zu bekommen. So diente beispielsweise das Leichttraben dem Zweck über lange Strecken im Sattel bleiben zu können.

Hierzu gibt es wunderbare Seminare an der Fürstlichen Hofreitschule Bückeburg, die sich mit diesem Thema beschäftigt haben und denen ich einen Großteil meines Wissens verdanke.

Historische Reitkunst

Die Historische Reitkunst, der ich mich verschrieben habe, wird von der Fürstlichen Hofreitschule Bückeburg praktiziert und studiert. Es gibt ein wunderbares Buch mit einer hervorragenden Zusammenfassung geschichtlicher Hintergründe hierzu, „Du entscheidest“ von Christin Krischke. Wer sich für den Ursprung der alt italienischen Schule und ihrer daraus hervorgegangenen späten Reitmeister wie Pluvinel und La Broue interessiert, muss es einfach lesen.

Das Fechten und Kämpfen zu Pferde brauchte man damals zum Überleben, um eine Kampfhandlung mit seinem treuen Partner Pferd heil überstehen zu können. Dies wurde später zur Angewandten Reitkunst.

Diese Angewandte Reitkunst ist es, die man zum Beispiel mit Ringstechen oder anderen Geschicklichkeitsparcours heute noch reiten kann. So kann man das Erlernte aus Seitengängen, Versammlung, Piaffen etc. auch anwenden. Es macht Pferd und Reiter gleichermaßen Spaß und lässt einen Sinn im Erlernten erkennen, zusätzlich zu der gesunden Gymnastizierung.

Warum nicht das alte Wissen der alten Meister verwenden, was leider im Laufe der vielen Jahre verloren gegangen ist. Sie wussten so viel, um unseren Partner Pferd lange gesund an unserer Seite zu bewahren. Auch die historische Idee des Anreitens, mit der Arbeit an der Hand, hat sich vielfach bewährt.

Das Reiten von alten Bahnfiguren und vergessenen Kunstgangarten wie Beispielsweise das Tummeln und die davon ausgehenden Trainingserfolge und die gewollte Mitarbeit sowie das Mitdenken des Pferdes machen die Historische Reiterei zu etwas Wunderbarem.

Worin genau unterscheidet sich die Historische Reitkunst von akademischem oder klassischem Reiten? Dieses Feature beschäftigt sich mit einem Vergleich.
Fotograf Niels Stappenbeck www.stappenbeck-foto.de

Akademische Reitkunst

Tanze mit deinem Pferd. Dieser Grundsatz liegt auch der Akademischen Reitkunst zu Grunde. Auch diese beschäftigt sich damit mit Ruhe und Harmonie, gemeinsam mit dem Partner Pferd, Lektionen zu erlernen. Erreiche gemeinsam mit deinem Pferd auf künstlerischer Ebene mehr Lebensqualität. Wer akademisch reiten will muss sich selbst schulen und von den Pferden lernen.

Die alltägliche Arbeit mit dem Pferd ist keine Höchstleistung, sondern unspektakuläre Alltagsharmonie um innere Ruhe zu finden. Der Reiter formt das Pferd mit einem akademisch korrekten Sitz.

Auch bei der Akademischen Reitkunst wird das Pferd seinem Typ gerecht gefördert und Jungpferde mit Hilfe von Bodenarbeit und Einlogieren ausgebildet. Wer sich detaillierter über die Akademische Reitkunst informieren möchte, dem kann ich das Buch „Akademische Reitkunst, eine Reitlehre für anspruchsvolle Freizeitreiter“ von Bent Branderup sehr empfehlen.

Historische Reitkunst vs. Akademische Reitkunst

Sowohl die Akademische als auch die Historische Reitkunst ist auch ein Lebensgefühl, eine Philosophie. Jeder sollte für sich entscheiden, womit er sich mehr identifizieren kann.

In der Akademischen Reitkunst werden ein paar Techniken, wie zum Beispiel die Führposition, anders gelehrt als in der Historischen Reitkunst. Der akademische Sitz ist sehr wichtig. Form und Bewegung sind ein und dasselbe, im großen, mittleren und kleinen Rahmen. Auch die Akademische Reitkunst beinhaltet alte Kunstgangarten wie zum Beispiel das Terre á Terre oder die Ballotade.

Bei der Bodenarbeit gibt es verschiedene Touchierpositionen der Gerte, die verschiedene Informationen an das Pferd weitergeben. Auch in dieser Reitkunst liegen tolle Aspekte für das Training zu einem ausgeglichenen Partner Pferd.

Entscheide selbst!

Egal welcher Reitweise man sich zuwendet (Historisch, Akademisch, Altkalifornisch, Légèreté,…), wichtig ist die harmonische und individuelle Zusammenarbeit mit dem Partner Pferd, damit beide Freude an dem haben, was sie tun und gemeinsam Aufgaben meistern. Kein Zwang, keine schlechte Laune und keine menschliche Profitgier sollten diese wundervolle Beziehung stören.

Fotograf Niels Stappenbeck www.stappenbeck-foto.de

Hast du Fragen an Anja oder mich? Schick mir einfach eine Nachricht per E-Mail oder Kontaktformular und wir beantworten diese in der nächsten FAQ Runde auf Instagram und Facebook 🙂

Falls du mehr über Anja und ihre Arbeit wissen möchtest, dann besuche gerne ihre Webseite: www.lieblings-seele.jimdo.com

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